Allgemein, Mixed

Als die Sonnenblumen brannten…

Erinnerungen an August 1992

Die Anschläge auf das „Sonnenblumenhaus“ in Lichtenhagen jähren sich im August zum zwanzigsten Mal. Viele Rostocker möchten diesen Teil unserer Stadtgeschichte am liebsten löschen. Die Ereignisse in Lichtenhagen scheinen ein öffentliches Tabu zu sein. Ich möchte mich daher bewusst an jene Tage erinnern… .

…Gerade elf Jahre alt, lebte ich mit meinen Eltern und meinen zwei großen Brüdern am äußersten Rand von Groß Klein, in einem sich ewig ziehenden Plattenbau, direkt an den Bahngleisen. In 500m Entfernung ragte das „Sonnenblumenhaus“ empor. Mein täglicher Weg zur Schule führte mich  immer zur Bushaltestelle direkt vor das Haus, in welchem sich  in diesen Tagen des Jahres 1992 die damalige Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Mecklenburg-Vorpommern befand. Oft beobachte ich wie Buse davor Menschen abluden.  Mein Vater war Arzt und hatte zu dieser Zeit auch Bewohner des „Sonnenblumenhaus“ untersucht. Oft berichtete er  von den katastrophalen hygienischen  Verhältnissen und unwürdigen Bedingungen vor Ort. Ich weiß noch wie ich mich wunderte, dass ganze Familien auf dem Rasen vor dem Haus übernachteten. Frauen, Männer, Kinder und Greise lagen dort zu hunderten – während ich, auf dem Weg zur Schule, mit gebügelten Sachen und Pausenbrot im Schulranzen an ihnen vorbei schritt. Tag für Tag.
Eines Abends hörte ich wie meine Eltern und Brüder sich darüber unterhielten wie die Bewohner des Hauses mit Steinen beworfen und Fensterscheiben eingeworfen wurden. In den kommenden Tagen steigerten sich die fremdenfeindlichen Übergriffe. Dabei stammten die Täter nicht nur aus Rostock. Neonazis aus ganz Deutschland reisten an. Gepuscht durch die Gewaltbereitschaft der Täter wurden viele scheinbar Unbeteiligte durch Gaffen, hörig stupides Beifallklatschen und Jubeln, sowie durch das skandieren rechter Parolen zu MitläuferInnen und MittäterInnen. Den Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen in der Nacht des 24. August. Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber wurde geräumt, doch im Hausaufgang direkt daneben lebten neben vielen Deutschen auch 115 Vietnamesen. „Wir kriegen euch alle, jetzt werdet ihr geröstet!“, mit diesen Rufen stürmten die Täter mit Baseballschlägern den Eingangsbereich des Hauses und legten einen Brand. 100 Menschen waren zu dieser Zeit in dem Haus eingeschlossen – sämtliche Notausgänge zu den Nachbarhäusern von deutschen Nachbarn verbarrikadiert. Die Feuerwehr wurde vor Ort daran gehindert den Brand zu löschen. Und auch die Polizei konnte nicht helfen – sie war den gewaltbereiten Personen zahlenmäßig unterlegen.  Eine Flucht schien für die Eingeschlossenen unmöglich. Einzig der Weg über das Dach führte sie ins rettende Freie. Erst in den darauffolgenden Nächten konnte die Situation  unter Kontrolle gebracht werden. Diese Augusttage vor zwanzig Jahren waren der Moment, in dem meine damals kleine, heile Welt zum ersten Mal aus dem Tritt kam.

 

Text: Kristina Dienemann

Foto: Andreas Agne (pixelio.de)