Hochschule

Welcher Wohntyp bist du?

Der Einsiedler oder My home is my castle

 

Das aufgeregte Geschnatter in Hörsaal und Mensa deckt deinen Tagesbedarf an Kommunikation zur Genüge? Schwarzfaserige Pfropfen aus fremden Haaren sprengen neben den Abwasserleitungen auch dein Nervenkostüm?

Dann spar dir WG-Castings voll geheucheltem Interesse, leer gefutterte Kühlschränke und Spieleabende mit Langzeitstudenten. Wohne allein – je nach Geldbeutel im Studentenwohnheim oder einer kleinen Wohnung.

Dröge Klagen über Dozenten und Seminare, verknitterte Visagen und Charaktere am Frühstückstisch gehören im eigenen Einzelappartment genauso der Vergangenheit an wie im Gemeinschaftsflur widerhallende Beischlafgeräusche aus allen Zimmern außer dem eigenen. Die Wohnungstür schließt sich, die Mundwinkel erschlaffen und erholen sich in den ruhigen Stunden zwischen Herd, Sofa und Bett vom Dauergrinsen. Und wenn es doch zu einsam werden sollte: Freunde einladen, ihre Gemeinschaft genießen und sie zum geeigneten Zeitpunkt wieder rausschmeißen. Doch Vorsicht: Gerade in den norddeutschen Wintern wirkt die Anwesenheit eines anderen Menschen, wenn man nach einem langen Tag nach Hause kommt Wunder für die vom grauen Schmuddelwetter gepeinigte Seele. Auch Krankheiten haben schon so manchen passionierten Einsiedler nach Gesellschaft flehen lassen. Auch wenn wahre Einzelkämpfer über solche Einwände nur schmunzeln können: Ihr Zuhause ist ihre Burg, wehrhaft und standfest auch ohne Fußvolk.

Das Herdentier oder Gemeinsam sind wir stark

Der Tag war lang, der Professor einschläfernd und das Prüfungsamt gemein. Deine Laune und das Wetter gehen Hand in Hand im Regen spazieren. Rucksack, Turnschuhe und Bücher triefen und tropfen, doch schimmert es wohlig und tiefgelb unter dem Türspalt der Wohnung hindurch, verwoben mit einem freundlichen Duft von Essen und Wärme. Heißer Kakao in der Kanne und auf dem Herd fordert dich der gelbe Klebezettel auf der Pfanne in krakeliger Schrift zum Bauch vollschlagen auf – Zuhause ist, wo man an dich denkt. Wer jetzt Tränen der Rührung in den Augen hat, sollte entweder postwendend mit lieben Menschen eine Wohngemeinschaft gründen oder bei seinen aktuellen Mitbewohnern um mehr Nächstenliebe betteln. Denn wer einen Mitbewohner hat, der vorzüglich kochen und eine Mitbewohnerin, die Küchen und Schränke bauen kann, der braucht sich, frei nach Janosch, vor nichts zu fürchten. Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude jedoch potenziert sich unberechenbar, mündet in spontane Partys oder zumindest rotweinschwere Küchentischrunden. Die Achillesferse der WG jedoch ist die Frage nach Sauberkeit und Ordnung. Ein durch Psychologie und Erfahrung geschultes Auge bei der Auswahl der Mitbewohner wirkt da Wunder und eindringliche Gespräche samt Ortsbegehungen sind effektiver als ein schweigend an die Kühlschranktür gehängter Putzplan. Außerdem: Viele Hände – schnelles Ende. Mit einer Prise Einfühlungsvermögen gilt dieser Spruch nicht für die Dauer der WG, sondern für das kollektive Putzen in Turbogeschwindigkeit.

Der Anti-Nestflüchter oder Bezugspunkt Grauer Panther

Ja, du bist anders. Und vom Aussterben bedroht. Wohlwollende Kommilitonen sagen du bist oldschool, die Hater nennen dich antik. Und das alles nur, weil du die heute ach so ins Hintertreffen geratene Form des Wohnens zur Untermiete gewählt hast. Vermutlich lebst du bei einem älteren Ehepaar in einem teilmöblierten Zimmer ihres gepflegten Reihen- oder Stadthauses. Dein Ersatz-Vater beziehungsweise Opa hilft dir beim Fahrradreparieren, während Mama beziehungsweise Oma ein Auge darauf hat, dass es ihrem Ersatzkind oder Enkel rundum gut geht. Immer wieder hört man sogar von gewaschener Wäsche und Halb- oder gar Vollpension für den Kleinen, der doch in der Fremde eigentlich flügge werden sollte. Wer ein gemachtes Nest dieser Art anstrebt, der sollte entweder über eine tadellose Kinderstube oder aber zumindest schauspielerisches Talent verfügen und Einladungen zum Vorglühen den Einsiedlern und Herdentieren überlassen. Ansonsten lässt es sich im Rundum-sorglos-Paket fein und, auch ohne Verpflegungs- und Wäscheservice, günstig leben. Gratis dazu gibt es je nach Wunsch lebenserfahrene Ratschläge der Gastgeber oder aber den alterstypischen Starrsinn, an welchem der zukünftige Anwalt, Arzt oder Steuerberater seine Überzeugungsfähigkeit und Hartnäckigkeit schulen kann. Einzig die individuelle Einrichtung der vielleicht ersten „eigenen“ Butze könnte etwas schwierig werden. Aber dank der oft vorhandenen (Teil)möblierung kann auch das Original-Kinderzimmer im echten Hotel Mama vollständig erhalten bleiben. Falls ein Höhenflug eben doch mal am Boden enden sollte.

Text: Ole Schwabe
Bild: Rainer Sturm (Pixelio)